1 KontextEigene TexteProjektbeschreibung 22-05-14

#verschriftlichung #text

Mein Projekt basiert auf einer Recherche über meinen Großvater Anton und ihm nahestehender Personen. Es berührt die Themen 2. Weltkrieg, Shoah, Familiengeschichte und Zeitgenossenschaft. Überliefertes, eigenes und gefundenes Material möchte ich in einer hybriden Publikation veröffentlichen.

Antons und eigens gesammeltes und produziertes Material wie Dokumente, Fotos, angeeignete Textstellen etc., möchte ich montieren und eine hybride Publikation erstellen (Print & Web bzw. Ebook). Orientierung gibt mir dabei bspw. das Buch „The German Issue“ (Semiotexte ´82/09) und die Webseite „URGENTCRAFT“ (2019) von Paul Soul Ellis. Ersteres ist beispielhaft für die Montage von Texten und Bildmaterial verschiedenster AutorXinnen. Letzteres für die Gestaltung und Funktionalität einer Publikation im Web, die das Arbeiten mit Hyperlinks und Verweisen ermöglicht.

Aus den überlieferten Fotografien und Dokumenten konnte ich Aspekte von Biografien vor allem dreier Personen vor und während des 2. Weltkrieges rekonstruieren: Anton Kasners (geb. Kasprzycki), Hildegard Kasners (geb. Austerlitz) und Gertrud Kasners (geb. Weverinck). Anton und seine Eltern, die um 1900 aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet emigrierten, legten den polnisch klingenden Nachnamen ca. ´22 ab. In Berlin lebte er eine Zeit lang mit Hildegard, die ihn ´25 heiratete und mit der er ´26 einen Sohn namens Wolfgang bekam. ´27 folgte die Scheidung. Zurück im Ruhrgebiet lernte er in den 30ern meine Großmutter Gertrud kennen, die er am 10.10.42 heiratete. Hildegard bekam ´39 eine weitere Tochter namens Tana Austerlitz. Da Hildegard jüdisch war wurden alle drei unter Anwendung der „Nürnberger Gesetze“ am 20.7.42 nach Theresienstadt (Terezín, CZ) deportiert.

Anton diente ´41 einige Monate in einem KGF-Lager für sowjetische Soldaten in Biała Podlaska, nahe der weißrussichen Grenze, wovon eine kleine Fotoserie überliefert ist. Neben der Shoah gilt das durch Hunger, Erkrankung und Massenerschießungen herbeigeführte Massensterben der vor allem sowjetischen Gefangenen als größtes Verbrechen der Deutschen, das aber bisher nicht wirklich in der deutschen Öffentlichkeit angekommen ist.

Gertrud arbeitete während des Krieges bei Thyssen Krupp in Markstädt (Laskowice Olawskie, PL) bei Breslau (Wrocław, PL), wo sich das sog. Berthawerk befand. Ein Foto aus Breslau vom 17.10.43 auf dem u.a. Gertrud abgebildet ist und ein Brief von Antons Mutter an sie, lässt den Schluss zu, dass Anton sie dort besuchte. Breslau war außerdem der Geburtsort Hildegards.

Hildegard und die Kinder wurden zwischen dem 28.9. und 4.10.44 nach Auschwitz deportiert, das nur Wolfgang überlebte, der schließlich ´45 in Bergen-Belsen neunzehnjährig starb.

Auf Antons Entnazifizierungs-Urkunde von ´46 steht unter Anzahl von Kindern maschinenschriftlich eine EINS. Diese wurde mit Kugelschreiber durchgestrichen und eine ZWEI darüber gesetzt. Zwischenzeitlich war das erste Kind mit meiner Großmutter geboren. Von Wolfgangs Tod hat er vermutlich nie mit Sicherheit erfahren.

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