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#verschriftlichung #text

2013 erhielt ich von meinem Onkel Dokumente, die mein Großvater aufbewahrt hat und Fotos, die er zu einem großen Teil selbst gemacht hat.

Mein Großvater und seine Eltern, die vor 1900 aus der Gegend Masuren im damaligen, dem Deutschen Reich zugehörigen, Ostpreußen ins Ruhrgebiet emigrierten, hießen Kasprzycki und änderten ca. 1922 ihren Polnisch-sprachigen Nachnamen in Kasners. Wahrscheinlich im Zuge der Entscheidung nach dem I. Weltkrieg in West-Deutschland zu bleiben und den Polnischen Namen hinter sich zu lassen. Von den Fotos hat mich eine Sequenz, die in einem Kriegsgefangenenlager entstanden ist, besonders interessiert. Sie zeigen u. a. eine Erschießung und Leichen, die in einem Stacheldrahtzaun hängen. Das Foto der Erschießung stach für mich besonders hervor, da es ein schlimmes Ereignis bildkompositorisch "gelungen" festhält: Im Vordergrund sieht man einige deutsche Soldaten der Erschießung zuschauen, auf einem der Rücken ist ein Schatten zu sehen, scheinbar der des Fotografen. Mehrere Personen, die mit verbundenen Augen an einem Stacheldrahtzaun aufgereiht sind, werden im Moment der Aufnahme erschossen. Die Schützen stehen diesen, für die Betrachterperspektive etwas verdeckt, rechts im Bild gegenüber. Hinter ihnen ragt ein bemannter Wachturm in die Höhe. Auf der Rückseite des Fotos steht eine Notiz:

_„1941 Aug od. Sept in Polen Biala Podlaska: 17 Rotarmisten wurden erschossen
Kassners [sic] 5/10-1 y" ¹.

Vor dem Hintergrund der Familienbiografie vor dem II. WK, insbesondere den Polnischen Einflüsse, die im Nachnamen der Ostpreußischen Arbeitsmigranten erkennbar waren, stehen die Ereignisse an denen Anton im besetzten Polen 1941 teilnahm und die er fotografierte für mich für ein widersprüchliches Spannungsverhältnis. Keine 20 Jahre vorher legt seine Familie den Polnischen Namen ab. Im Strafgefangenenlager für sowjetische Kriegsgefangene bei Biala Podlaska ist er Täter und Zeuge. Berichte über das Lager überliefern, dass es nur wenige Monate bestand, dass die Zustände katastrophal waren und zehntausende Kriegsgefangene in Missachtung des Kriegsrechts hingerichtet wurden. Mein Onkel konnte seiner Aussage nach nicht viel darüber erzählen, weil Anton selbst nicht viel darüber geredet hat. Doch sei er "bei den Gefangen beliebt" gewesen.

Dokumente und Fotos von anderen Familienmitgliedern, bzw. solche, die auf sie verweisen, verstärken das Spannungsverhältnis noch. Antons erste Frau Hildegard und das gemeinsame Kind Wolfgang wurden deportiert, da Hildegard jüdisch war und Wolfgang somit in der Sprache des 3. Reiches ein sogenannter "Geltungsjude" war. Nach der Hochzeit 1925 folgte bereits 1927 die Scheidung. Anton hieß laut handschriftlichem Lebenslauf bis 1922 Kasprzycki. Hildegard hieß bis 1925 Austerlitz, als sie mit der Hochzeit den neuen Namen Antons annahm: Kasners. Anton, der laut mündlicher Überlieferung Kommunist war, diente aufgrund des höheren Alters im besetzten Polen in einem Kriegsgefangenenlager nicht wie junge Männer an der Front. Hildegard und der 1926 geborenen Wolfgang, der wenn er überlebt hätte, der Halbbruder meines Vaters, meines Onkels und meiner Tante gewesen wäre, wurden 1942 aus Berlin nach Theresienstadt und danach nach Auschwitz deportiert. Dort endet der Eintrag Hildegards im Gedenkbuch des Bundesarchivs für Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 - 1945. Wolfgang hingegen überlebte Auschwitz und starb ca. 16-jährig in Bergen-Belsen. Mit Hildegard und Wolfgang wurde auch Tana Austerlitz, Hildegards Tochter aus einer anderen Beziehung deportiert. Sie starb in Theresienstadt.

Antons zweite Frau, meine Großmutter Getrud, arbeitete ab 1943 für Krupp in Breslau (dem Geburtsort von Hildegard). Wahrscheinlich in Zusammenhang mit den in der Nähe befindlichen Berta Werken, in denen mit Hilfe von Zwangsarbeitern Munition hergestellt wurde.

Einige aus dem Material hervorgehenden Orte möchte ich besuchen und dort Recherchen anstellen, fotografieren und filmen…

Vermutlich werde ich dem historischen/biografischen Teil Eindrücke von der Recherche und Eindrücke des gegenwärtigen Geschehens an den jeweiligen Orten gegenüberstellen.


ENGLISH

In 2013 I received from my uncle documents that my grandfather kept and photos that he took to a large extent himself.

My grandfather and his parents, who emigrated to the Ruhr area before 1900 from the Masurian region in what was then East Prussia, part of the German Empire, were called Kasprzycki and changed their Polish-language surname to Kasners in about 1922. Probably in the course of the decision after I. World War I to stay in West Germany and leave the Polish name behind. Of the photos, I was particularly interested in a sequence taken in a POW camp. Among other things, they show a shooting and bodies hanging in a barbed wire fence. The photo of the shooting particularly stood out for me because it "successfully" captures a horrific event in terms of image composition: In the foreground, several German soldiers are seen watching the shooting, and a shadow can be seen on one of their backs, apparently that of the photographer. Several blindfolded people lined up against a barbed wire fence are being shot at the moment of the shot. The shooters are facing them, somewhat obscured from the viewer's perspective, to the right of the image. Behind them, a manned guard tower rises into the air. On the back of the photo is a note:

_"1941 Aug od Sept in Poland Biala Podlaska: 17 Red Army soldiers were shot. Kassners [sic] 5/10-1 y" ¹.

Against the background of the family biography before WW II, especially the Polish influences recognizable in the surname of the East Prussian labor migrants, the events Anton participated in and photographed in occupied Poland in 1941 stand for me for a contradictory tension. Not 20 years earlier, his family discards the Polish name. In the prison camp for Soviet prisoners of war near Biala Podlaska, he is a perpetrator and a witness. Reports about the camp tell that it existed only a few months, that the conditions were catastrophic and that tens of thousands of prisoners of war were executed in defiance of the law of war. According to him, my uncle could not tell much about it, because Anton himself did not talk much about it. However, he had been "popular with the prisoners."

Documents and photos of other family members, or those that refer to them, add to the tension. Anton's first wife Hildegard and their common child Wolfgang were deported, because Hildegard was Jewish and Wolfgang was thus in the language of the 3rd Reich a so-called "Geltungsjude". After the marriage in 1925, the divorce followed already in 1927. According to the handwritten curriculum vitae, Anton was called Kasprzycki until 1922. Hildegard was called Austerlitz until 1925, when she took Anton's new name with the marriage: Kasners. Anton, who according to oral tradition was a communist, did not serve at the front like young men in a prisoner-of-war camp in occupied Poland because of his older age. Hildegard and Wolfgang, born in 1926, who if he had survived would have been the half-brother of my father, uncle and aunt, were deported from Berlin to Theresienstadt and then to Auschwitz in 1942. There Hildegard's entry in the Memorial Book of the Federal Archives for Victims of the Persecution of Jews under National Socialist Tyranny in Germany 1933 - 1945 ends. Wolfgang, on the other hand, survived Auschwitz and died in Bergen-Belsen at the age of about 16. Along with Hildegard and Wolfgang, Tana Austerlitz, Hildegard's daughter from another relationship, was also deported. She died in Theresienstadt.

Anton's second wife, my grandmother Getrud, worked for Krupp in Breslau (Hildegard's birthplace) from 1943. Probably in connection with the Berta factories nearby, where ammunition was produced with the help of forced laborers.

Some places emerging from the material I would like to visit and do research, photograph and film there…

Probably I will contrast the historical/biographical part with impressions from the research and impressions of the present situation at the respective places.

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