text_hgb
#text #verschriftlichung
Ausgehend von persönlichen Fotos und Dokumenten, die mein Großvater hinterlassen hat, habe ich zu seiner Biografie und der seiner ersten Ehefrau sowie seiner zweiten Frau, meiner Großmutter, recherchiert.
Überliefert sind Fotos, die vor allem ihn und Familienangehörige zeigen, und Dokumente, die auf ihn und Familienangehörige verweisen. Es gibt Material aus der Vorkriegs-, der Kriegs- und der Nachkriegszeit, anhand welcher sich Lebensstationen und Schicksale ablesen und rekonstruieren lassen.
Weiteres von mir gesammeltes und recherchiertes Material – wie Dokumente, Textstellen, Karten – und eigene Fotografien bringe ich mit dem überlieferten Material in einen Zusammenhang. Dabei bediene ich mich Mitteln der Montage und Sequenzierung. Eine endgültige Form hat die Arbeit nicht, vielmehr begreife ich sie als sich entwickelnd und in ihrer Präsentationsform dynamisch.
Vor ungefähr zehn Jahren begann ich mich damit zu beschäftigen, dass der Familienname meines Großvaters Anton ursprünglich Kasprzycki und nicht Kasners war. Auf Anfrage erhielt ich von meinem Onkel einige vage Auskünfte sowie das Material, das sein Vater zusammengetragen hat.
Anton tritt als Fotografierter und Fotograf auf. Eine Serie von Fotografien, die in einem Lager während des Krieges fotografiert wurde – und daraus die Notiz auf der Rückseite des Fotos einer Erschießung – interessierten mich besonders. Als Ort der Tat wird die Stadt Biała Podlaska in Polen nahe der heutigen belarussischen Grenze angegeben. Die polnischen Einflüsse in der Familie und der Einsatz in einem Lager bei der Besetzung Polens schienen mir in einem widersprüchlichen Verhältnis zu stehen.
Darüber hinaus gibt es viel Material über Hildegard Kasners (geb. Austerlitz) und Gertrud Kasners (geb. Weverinck). Hildegard war – wie bereits mündlich durch Gertrud, meine Großmutter, überliefert war – seine erste Frau, die gemeinsam mit ihrem gemeinsamen Kind deportiert und in der Shoah umgebracht wurde.
Anton und seine Eltern, die um 1900 aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet emigrierten, legten den polnisch klingenden Nachnamen laut Lebenslauf ca. 1922 ab. In Berlin lebte er eine Zeit lang mit Hildegard, die ihn 1925 heiratete und mit der er 1926 einen Sohn namens Wolfgang bekam. 1927 folgte die Scheidung. Zurück im Ruhrgebiet muss er in den 1930ern meine Großmutter Gertrud kennengelernt haben, die er am 10.10.42 heiratete. Drei Jahre zuvor bekam Hildegard eine Tochter namens Tana Austerlitz. Aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln wurden Hildegard und ihre Kinder 1942 von ihrem Wohnort in Berlin Prenzlauer Berg nach Theresienstadt (Terezín, CZ) deportiert.
1941 diente Anton einige Monate in einem Kriegsgefangenenlager für sowjetische Soldaten bei Biała Podlaska, wovon o. g. Fotoserie überliefert ist. Neben der Shoah gilt das durch Hunger, Erkrankung und Massenerschießungen herbeigeführte Massensterben der vor allem sowjetischen Gefangenen unter Historiker:innen als größtes Verbrechen der Deutschen, das aber bisher nicht im kollektiven Bewusstsein verankert ist.
Gertrud arbeitete laut einer überlieferten Versicherungsurkunde während des Krieges eine Zeit lang bei Thyssen Krupp in Markstädt (Laskowice Olawskie, PL) bei Breslau (Wrocław, PL), wo sich das sog. Berthawerk befand. Sie war wohnhaft in Breslau. Ein Foto aus Breslau vom 17.10.43 auf dem u. a. Gertrud abgebildet ist und ein Brief von Antons Mutter an sie lässt den Schluss zu, dass Anton sie dort zum ersten Hochzeitstag besuchte. Breslau war außerdem der Geburtsort Hildegards.
Hildegard und die Kinder wurden zwischen dem 28.09. und 04.10.1944 weiter nach Auschwitz deportiert, welches nur Wolfgang überlebte, bevor er schließlich 1945 in Bergen-Belsen neunzehnjährig starb.
Auf Antons Entlassungsschein aus westalliierter Kriegsgefangenschaft von 1946 steht unter „Anzahl von Kindern“ maschinenschriftlich eine EINS. Diese wurde handschriftlich durchgestrichen und eine ZWEI darüber gesetzt. Zwischenzeitlich war Antons und Gertruds erstes gemeinsames Kind Joachim, mein Onkel, geboren.